Eine besondere Beziehung
Lange bevor der erste Skifahrer eine Spur in den Schnee zog, lange bevor der erste Hotelier eine Wette auf die Wintersonne abschloss, war da das Wasser. Die Geschichte von St. Moritz beginnt nicht auf den Berggipfeln, sondern tief im Erdreich, an einer unscheinbaren Stelle, aus der seit Jahrtausenden eine eisenhaltige, kohlensäurehaltige Quelle sprudelt: die Mauritiusquelle. Sie ist der wahre Ursprung, das elementare Herz, aus dem die gesamte Reputation des Ortes als Heil- und Erholungsort erwachsen ist.
Archäologische Funde belegen, dass bereits die Kelten in der späten Bronzezeit, um 1411 v. Chr., die besondere Kraft dieses Wassers erkannten und nutzten. Votivgaben, Schwerter und Nadeln, die am Grunde der Quelle entdeckt wurden, zeugen von ihrer frühen Verehrung. Mit ausgehöhlten Lärchenstämmen fassten sie das kostbare Nass, das auf natürliche Weise mit Kohlensäure versetzt ist.
Von dieser einzelnen Quelle aus weitet sich die Perspektive auf das gesamte Wassersystem, das die Landschaft und das Leben im Engadin geformt hat. Der Fluss Inn (auf Rätoromanisch „En“), der dem Tal seinen Namen gibt – Engadin, der „Garten des Inns“ –, entspringt hier und durchfliesst wie eine Perlenkette die Hochebene mit ihren Seen. Mächtige Gletscher wie der Morteratsch fungieren als riesige, gefrorene Wasserspeicher, die dieses System im Sommer speisen. Wasser ist hier allgegenwärtig, es manifestiert sich in drei Aggregatzuständen – flüssig in den Seen und Flüssen, fest als Eis und Schnee auf den Gletschern und Gipfeln und gasförmig als die trockene, klare Luft, die das Tal erfüllt.
Die Geschichte von St. Moritz ist somit eine Geschichte von zwei fundamentalen Entdeckungen, die mehr als 3.000 Jahre voneinander trennen. Die erste war die Entdeckung seines unterirdischen Schatzes – des Mineralwassers – durch die Kelten. Die zweite war die Entdeckung seines atmosphärischen Schatzes – der Wintersonne und der reinen Luft – durch Johannes Badrutt. Das Verständnis, dass das Wasser zuerst da war, verleiht der gesamten Erzählung von St. Moritz eine tiefere, elementarere Dimension. Es verankert die Identität des Ortes nicht nur im Glamour des Wintersports, sondern in einer 3.500 Jahre alten Tradition des Wohlbefindens, die direkt aus der Erde quillt. Dieser Artikel folgt dem Wasser auf seiner Reise durch die verschiedenen Formen und erkundet seine tiefgreifende und besondere Beziehung zur Region.
Das Herzstück der St. Moritzer Heiltradition ist und bleibt die Mauritiusquelle. Ihre Geschichte ist ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie eine natürliche Ressource über Jahrhunderte hinweg den Ruf eines Ortes prägen und Menschen aus ganz Europa anziehen kann.
Die Reise der Quelle zur Weltberühmtheit wurde von zwei Schlüsselfiguren entscheidend vorangetrieben. Im Jahr 1519 versprach der Medici-Papst Leo X. allen Pilgern, die zur Kirche an der Quelle reisten, einen vollkommenen Ablass ihrer Sünden, was den Ort zu einem bedeutenden spirituellen Ziel machte. Wenige Jahre später, 1535, besuchte der berühmte Arzt und Naturheilkundler Paracelsus St. Moritz. Er war von der Qualität des Wassers so beeindruckt, dass er es als eine der besten Heilquellen Europas pries und damit seinen medizinischen Ruf begründete. In der Belle Époque, vom 17. bis ins 19. Jahrhundert, erreichte der Bädertourismus seinen Höhepunkt. Europäische Adelige, Herzöge und Fürsten nahmen die beschwerliche Reise auf sich, um im Engadin „die Kur zu machen“ und von der heilenden Wirkung des Wassers zu profitieren.
Die wissenschaftliche Analyse bestätigt die Einzigartigkeit der Quelle. Ihr Wasser zeichnet sich durch einen aussergewöhnlich hohen Gehalt an Eisen und gelöstem Kohlendioxid (CO2) aus, was ihm seinen charakteristischen, leicht metallischen Geschmack und seine prickelnde Natur verleiht. Chemisch gesehen handelt es sich um ein saures Calcium-Natrium-Magnesium-Hydrogencarbonat-Wasser mit einer Gesammtmineralisierung von rund 1,8 g/l und einer konstanten, kühlen Temperatur von 4–6 °C. Besonders bemerkenswert ist die chemische Stabilität der Quelle. Analysen, die über einen Zeitraum von 234 Jahren, von 1788 bis 2022, durchgeführt wurden, zeigen, dass die Zusammensetzung des Wassers weitgehend unverändert geblieben ist – ein eindrucksvoller Beweis für seine tiefe, geschützte Herkunft.
Die traditionell zugeschriebenen Heilwirkungen sind direkt mit dieser einzigartigen Zusammensetzung verknüpft. Dem hohen Eisengehalt wurde eine blutbildende Wirkung nachgesagt, während die Kohlensäure beim Baden die Haut durchdringt und die Durchblutung anregt. Dem Trinken des Wassers wurde eine positive Wirkung auf Magen und Darm zugeschrieben.
Wenn das Wasser aus der Tiefe der Erde an die Oberfläche tritt, entfaltet es sich in seiner dynamischsten und lebendigsten Form. Die flüssigen Gewässer des Engadins – der mächtige Inn und die Kette der Hochgebirgsseen – bilden eine Landschaft von unvergleichlicher Schönheit und bieten eine Bühne für ein breites Spektrum an Aktivitäten, von stiller Kontemplation bis hin zu adrenalingeladenem Sport.
Das Lebenselixier des Tals ist der Inn, der nahe dem Malojapass entspringt und die Hochebene durchfliesst. Auf seinem Weg speist er die vier grossen Seen des Oberengadins: den Silsersee, den Silvaplanersee, den Champfèrersee und den St. Moritzersee. Zusammen mit unzähligen kleineren, romantisch in den Wäldern versteckten Bergseen bilden sie die berühmte Engadiner Seenplatte.
Das Erlebnis auf diesen Seen wird von einem bemerkenswerten täglichen Rhythmus bestimmt, der durch einen der berühmtesten Winde der Alpen entsteht. Der Vormittag gehört der Stille. Die Seen liegen oft spiegelglatt da, ihre Oberfläche reflektiert die majestätischen Gipfel und den tiefblauen Himmel. Dies ist die perfekte Zeit für ruhige Aktivitäten. Man kann beim Stand-Up-Paddling (SUP) fast lautlos über das Wasser gleiten, mit dem Kajak oder Ruderboot die Ufer erkunden oder in einem der Seen, die sich im Sommer auf bis zu 20 °C erwärmen können, ein erfrischendes Bad nehmen. Besonders idyllische Badeorte wie der Stazersee bieten ein unvergessliches Naturerlebnis.
Doch gegen Mittag erwacht das Tal zu neuem Leben. An sonnigen Sommertagen setzt zuverlässig der Malojawind ein, ein thermischer Wind, der vom Bergell heraufweht und die spiegelglatten Oberflächen in ein aufgewühltes, von weissen Schaumkronen gekröntes Meer verwandelt. Diese Verwandlung macht die Engadiner Seen, insbesondere den Silvaplanersee, zu einem globalen Mekka für Wind- und Kitesurfer. Mit konstanten Windstärken von 3 bis 6 Beaufort finden sie hier ideale Bedingungen vor, um mit hoher Geschwindigkeit über das Wasser zu jagen und spektakuläre Sprünge zu vollführen. Gleichzeitig werden der St. Moritzersee und der Silsersee zur Bühne für prestigeträchtige Segelregatten, bei denen die bunten Segel vor der alpinen Kulisse ein atemberaubendes Bild abgeben.
Diese tägliche Dualität ist eine der einzigartigen Eigenschaften des Engadins. Es bietet an einem einzigen Tag zwei völlig unterschiedliche Stimmungen und Erlebnisse: die meditative Ruhe des Morgens für den Wellness-Suchenden und den Adrenalinkick des Nachmittags für den Abenteurer. Ein Gast kann seinen Tag nach dieser natürlichen Uhr takten – ein friedliches Paddeln bei Sonnenaufgang, gefolgt vom berauschenden Spektakel der Kitesurfer nach dem Mittagessen. Es ist ein einzigartiges Angebot, das nur wenige andere Destinationen mit solch verlässlicher Regelmässigkeit bieten können. Abseits der Seen laden die zahlreichen Bäche und Flüsse zum Fischen ein, während im raueren Unterengadin Wildwasser-Rafting für Nervenkitzel sorgt.
Wenn die Temperaturen fallen, durchläuft das Wasser im Engadin seine letzte und vielleicht dramatischste Verwandlung. Es erstarrt zu Eis und Schnee und schafft eine Welt von stiller, monumentaler Schönheit und pulsierender Aktivität. Diese feste Form des Wassers verbindet die geologische Tiefenzeit der Gletscher mit der vergänglichen, aber brillanten Kultur, die auf den zugefrorenen Seen des Tals erblüht.
Der Ursprung dieses gefrorenen Königreichs liegt hoch oben in den Bergen. Der Morteratschgletscher, der grösste Gletscher der Bernina-Gruppe, ist ein gewaltiger Strom aus Eis, der sich von den Gipfeln des Piz Bernina und Piz Palü ins Tal schiebt. Er ist der grosse „natürliche Wasserturm“ der Region. Über die Sommermonate gibt er langsam Schmelzwasser ab, das die Flüsse und Seen speist und das gesamte Ökosystem des Tals stabilisiert. Gleichzeitig ist der Gletscher ein stiller Zeuge des Klimawandels. Seit 1878 hat er sich um mehr als 2,8 Kilometer zurückgezogen – eine Veränderung, die auf dem Gletscherlehrpfad durch Markierungen eindrücklich visualisiert wird und Besuchern die Dynamik unseres Planeten eindringlich vor Augen führt. Wo sich das Eis zurückzieht, entsteht neues Leben: Pionierpflanzen wie Moose und Flechten besiedeln den mineralreichen Boden und schaffen die Grundlage für eine einzigartige alpine Flora und Fauna.
Im Tal verwandeln sich die Seen im Winter in dicke, tragfähige Eisflächen und werden zur Bühne für einige der exklusivsten und spektakulärsten Veranstaltungen der Welt. Diese Tradition, das Eis als Plattform für Kultur und Sport zu nutzen, ist tief in der Identität von St. Moritz verwurzelt. Das berühmteste Ereignis ist das „White Turf“, ein Pferderennen auf dem zugefrorenen St. Moritzersee, das seit 1907 die internationale High Society anzieht. Hinzu kommen Poloturniere auf Schnee und sogar Cricket auf dem Eis – einzigartige Spektakel, die die surreale Schönheit der gefrorenen Landschaft zelebrieren.
In jüngster Zeit hat sich auf diesen gefrorenen Flächen eine neue, aber historisch tief verwurzelte Aktivität etabliert: das Eisbaden im St. Moritzersee. Dieser moderne Wellnesstrend schliesst den Kreis zur jahrtausendealten Tradition der Hydrotherapie in der Region. Der kurze, intensive Kontakt mit dem eiskalten Wasser soll das Immunsystem stimulieren, die Durchblutung fördern und ein Gefühl von Klarheit und Vitalität vermitteln. Es ist eine Rückkehr zu den elementaren Kräften des Wassers, die schon die ersten Besucher vor über 3.000 Jahren suchten.
Diese Beziehung zwischen Gletscher und See schafft eine tiefgründige narrative Verbindung von „Quelle und Bühne“. Der Gletscher ist die langsame, uralte Quelle des Wassers, ein Symbol für geologische Zeit und unbezwingbare Naturkraft. Der zugefrorene See ist die vergängliche Winterbühne für menschliche Kultur, Sport und Spektakel. Dieser Zyklus verbindet die Vergangenheit des Planeten mit der Gegenwart des Menschen und macht das Erlebnis des Winters im Engadin zu einer tiefsinnigen Auseinandersetzung mit der Natur und unserem Platz in ihr.
Ein Besuch in St. Moritz und im Engadin ist mehr als nur eine Reise in eine wunderschöne Landschaft. Es ist ein vollständiges Eintauchen in das Element Wasser, das diese Region in all seinen Facetten definiert. Es ist eine Begegnung mit dem Wasser in all seinen Formen: dem heilenden, eisenreichen Schluck aus der uralten Mauritiusquelle; den Seen mit ihrer doppelten Persönlichkeit, die sowohl Gelassenheit als auch Adrenalin bieten; den monumentalen, lebenserhaltenden Gletschern, die von der tiefen Zeit erzählen; und der gefrorenen Winterbühne, die als Schauplatz für Sport, Kultur und modernes Wohlbefinden dient.
Das Wasser ist hier kein passiver Hintergrund, sondern ein aktiver Teilnehmer am Erlebnis des Besuchers. Es heilt, es belebt, es fordert heraus und es inspiriert. Es ist die unsichtbare Kraft, die die Landschaft geformt, die Geschichte geschrieben und eine Kultur des Wohlbefindens und des Luxus geschaffen hat. Wir laden Sie ein, diese elementare Reise selbst anzutreten. Kommen Sie, um das Wasser zu schmecken, darin zu schwimmen, darauf zu segeln und in Ehrfurcht vor seiner gefrorenen Pracht zu stehen. Unser Haus bietet den perfekten, luxuriösen Ausgangspunkt für dieses unvergessliche Eintauchen in die Seele des Engadins.
Das Wasser ist das elementare Fundament, auf dem die 3.500 Jahre alte Geschichte von St. Moritz ruht. Doch es war die Entdeckung eines anderen, unsichtbaren Schatzes, die den Ort zur weltberühmten Winterdestination machte: seine prickelnde, sonnengetränkte und nachweislich vitalisierende Luft.
Erfahren Sie hier mehr über das legendäre „Champagnerklima“:
Die frische Luft von St. Moritz: Ein Hauch von Leben